Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9881 - letzte Aktualisierung: Donnerstag 16.11.2017

Einfach anders.....

Neusser Schützen und Ihre Stadt


 

Das es um Brauchtum, auch bei den Schützen, nicht überall zum Besten steht, das ist bekannt.
Aber es gibt auch diese Vorzeigeobjekte wie Hannover oder Peine, wo das Schützenfest einen ganz besonderen Platz im Jahreslauf der Stadt einnimmt.
In kleineren Orten mangels Abwechslung mag das verständlich sein, aber Neuss und Hannover sind die Veranstaltungskalender gut gefüllt.

Das kommt durch die Größe des Vereins, sagen viele. Aber auch diese kommt nicht von ungefähr….
Warum feiert man in der einen Stadt begeistert mit der Bevölkerung und wenige Kilometer weiter sind die Schützen fast unter sich?
Was aber ist so anders?

Beispiel Neuss:
Seit 1823 gehört das Schützenfest zu Neuss und fand, damals nach dem Ende der französischen Besatzung unter Napoleon, erstmals zur bereits existierenden Bartholomäus Kirmes statt.
Seit Jahrhunderten feiert man also Schützenfest, genau wie in vielen Städten und Gemeinden unseres Landes auch.
Am Ablauf des Festes hat man im Laufe der Zeit möglichst wenig geändert, auch das ist für das Schützenwesen nichts Ungewöhnliches.
Diese Tatsache aber als wertvolle Tradition darzustellen, ist gekonntes Marketing.

In den Jahren des Wirtschaftswunders hatten Schützenvereine guten Zulauf, allerdings eher der Feier-, als der Wertegemeinschaft wegen.
Geselligkeit war In, soziales Denken und Handeln kaum gefragt weil weniger notwendig als heute. Die Eigendarstellung und Öffentlichkeitsarbeit der meisten Vereine kam in dieser Zeit zum Erliegen.

Anders bei den Neusser Schützen, sie nutzten die wirtschaftlich starke Zeit um sich Mitstreiter und Sponsoren an die Seite zu holen.
„Natürlich haben wir begeistert mitgemacht, der Wohlfühlfaktor unserer Mitarbeiter ist schließlich die beste Motivation!“ sagte mir vor einigen Jahren der frühere Personalchef des in Neuss ansässigen Weltkonzerns 3M (Walter Erbrecht).
3M ging zu dieser Zeit völlig neue Wege in der Personalführung, selbst Familienangehörige wurden zu Firmenfesten eingeladen damit Diese einen Bezug zum Unternehmen bekamen.

Viele Firmen machten es ähnlich und der Neusser Schützenverein machte es anders:
man feierte nicht mehr Schützenfest um den eigenen Vereins zu präsentieren (und sich selber), sondern man schenkte den Bürgern der Stadt ein historisches Spektakel, welches seit Jahrhunderten unveränderte Tradition hat.
„Wir zeigen ein Spiel!“ sagen sie heute und laden die Bevölkerung ein, mitzumachen.

So wurde man vom Selbstdarsteller zum Dienstleister, schenkte den Bürgern ein Event und nahm auf diesem Weg Mitglieder und Sponsoren mit.
Ein tolles Wechselspiel, wer sagt schon nein wenn er etwas geschenkt bekommt, feiern kann oder einige Tage frei bekommt.

Der Vorwurf, dass Neusser Schützenverein die Männerdomäne pur sei, wird strikt zurückgewiesen.
Das war einmal und schon vor Jahren haben die Verantwortlichen einen Weg zum Familienverein/Familienfest gefunden.
Das historische Spektakel des Schützenfestes wird aus der Geschichte heraus nur von Männern nachgespielt.
Im Vereinsleben oder bei Feierlichkeiten sind Frauen nicht nur willkommen sondern teils auch unentbehrlich.
Das weiß man und respektiert es. Begeistert stehen die Frauen dann am Straßenrand um ihre Männer im Festzug mit einem Kuss oder Blumen zu begrüßen. Auch das ist ein Zeichen, welches bei Außenstehenden Wirkung erzielt.

Während Nachwuchsmangel ein großes Problem im Schützenbrauchtum ist, marschieren im Neusser Schützenzug ganze Abteilungen von Kindern und Jugendlichen mit.
Anderswo macht man sich Gedanken wer / wie die Betreuung übernimmt, hier macht man einfach und es funktioniert, denn die Kleinen haben mehr Disziplin als viele denken.
„Als Nachwuchs wünschen wir uns Kinder aus guten Elternhäusern!“ so ein Vorstandsmitglied im TV.
Eine klare Aussage, die anderswo nicht passen würde. Hier geht es, denn Neusser Kinder wissen, nicht zuletzt durch das Kinderschützenfest, was Schützen sind und bedeuten.
Man legt Wert auf bestimmte Dinge und lebt diese auch. Das fängt mit einem guten Bild in der Öffentlichkeit an und hört beim Blick auf den Nachwuchs noch längst nicht auf.

Wenn man dann in die stolzen Gesichter der Kinder schaut, wenn es dann einen Orden oder eine Belobigung gibt, dann weiß man: diese Kinder werden auch in 20 Jahren noch dabei sein.
Und viele andere die entlang des Festzuges mit staunenden Augen schauen, möchten das auch…..

Neuss ist nicht überall, was hier möglich wurde, ist nicht überall realisierbar.
Aber es zeigt: es gibt immer Möglichkeiten, wenn man sich auf neue Wege einlässt.

Rene Krombholz