Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9881 - letzte Aktualisierung: Montag 08.07.2019

In Reih‘ und Glied ?

Das "militärische" der Schützen


Per Zufall entdeckte ich einen interessanten Beitrag der Schützen aus Haulingerort (Münsterland)
Hier wird das "In Reih‘ und Glied marschieren" ebenso hinterfragt wie ähnliches Gebaren unseres Brauchtums. Natürlich wirken Uniformen oder Gleichschritt (besonders in der heutigen Zeit) auf manche Mitbürger erst einmal befremdlich.
Mit "Rechts" oder "ewig Krieg spielen" wie es manche sehen möchten, hat das jedoch nichts zu tun.

Vieles rührt aus der Tradition und der Herkunft her, darüber enthält der nachfolgende Beitrag der Haulinger Schützen sehr gute Informationen. Letztlich ist es bei den Schützen nicht anders wie bei anderen Brauchtumsgruppen auch, hier werden Kleidung, Bräuche, Uniformen überliefert und übernommen. Ein einheitliches Erscheinungsbild drückt ja auch nach Außen die Zugehörigkeit zu einer Gruppe / einen Verein, ja sogar einem Beruf aus. Bäcker, Schornsteinfeger aber auch Banker haben ihre Kleiderordnung, Fußballmannschaften und andere Vereine ihre Trikots..... und ein Schützenverein in dem alle Männer in Badehose oder Jogginganzug laufen..... Sie merken: das passt nicht so ganz!

Wer schon mal in einer großen Gruppe unterwegs war, der hat ganz schnell die Erfahrung machen dürfen: schnell fällt mann über die Füße des Anderen. Oft ist es so, das wenn mehrere Menschen gemeinsam unterwegs sind, automatisch ein gleicher Schritt gefunden wird. Das ist ergonimisch gut, es läuft sich besser und dient auch der eigenen Sicherheit. Abgesehen von einem besseren Bild ist Gleichschritt aber auch gleichzeitig ein Ausdruck gleiches Denkens!
Manch einem gefällt das nicht, viele verstehen das nicht.... von daher ein schöner Beitrag der Haulinger Schützen zur Aufklärung:

In Reih‘ und Glied marschieren?

In der Kritik: Das Militärische des Schützenwesens

Für den, der Schützenfeste aktiv mitfeiert, ist das alles ganz normal: Marschieren im Gleichschritt, Uniformen, Schießen, Offiziersränge, Abzeichen, Fahnen, Zapfenstreich, Ehrung der Kriegstoten usw. All diese militärischen Traditionen und Rituale haben Jahrhunderte lang zum Schützenwesen und zu Schützenfesten gehört. Sie haben ihren Ursprung in der Gründung von Wehrvereinen und Bürgerverteidigungswehren vor Hunderten von Jahren, festigten sich im 19. Jahrhundert in der nationalen Reaktion auf Napoleons „Fremdherrschaft“ und im nationalistisch-militaristischen Getöse der Bismarck-Ära und der Kaiserzeit unter Wilhelm II. In der ersten deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, die nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg mit der Beschränkung des Militärs durch die Alliierten auf ein 100000-Mann-Heer fertig zu werden hatte, wurden aus gekränktem Nationalstolz  gerade die Kräfte in der Politik nach oben gespült, die das Militärische überbetonten. Für die Nationalsozialisten schließlich waren Welteroberungspläne die Spitze des Eisbergs von Militarismus furchtbarster Ausprägung, der sich mit Rassismus und Vernichtungswahn paarte.

Die meisten Schützenvereine gaben sich in der NS-Zeit offiziell unpolitisch, passten sich aber der neuen Zeit an, verwehrten z.B. Juden die Mitgliedschaft in Schützenvereinen und ließen mehr oder weniger bereitwillig SA-Trupps mit Hakenkreuzfahnen mitmarschieren. Auch wenn die Schützenvereine sich teilweise der Gleichschaltungspolitik der Nationalsozialisten entgegenstemmten - so mussten sich die kleinen ländlichen Vereine meist auflösen und/oder sich den größeren (klein)städtischen Gesellschaften eingliedern - , das Militärische des NS-Reichs (mit Märschen, Paraden, Uniformen etc.) war den Schützenvereinen nicht wesensfremd. So erhöhten die Nazis mit Verordnungen auch den Stellenwert des Schießsports im Schützenwesen; dass die vielen Schießübungen und dementsprechenden Leistungsnachweise manchen Schützen irritierten und (zumindest innerlich) gegen die Nazis aufbrachten, weil andere Dinge wie geselliges Feiern und Anbindung an die Kirche in den Hintergrund gedrängt wurden, ist immer wieder mit Recht betont worden.

Dennoch hat sich das Militärische im Schützenwesen bei den Neubegründungen und Wiederbelebungen von Schützenvereinen und Schützenfesten nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten, was bis heute Menschen, die pazifistisch und antimilitaristisch eingestellt sind, abschreckt und zu Kritik herausfordert, auch wenn die Kritik vor Jahrzehnten schon mal heftiger war. Denn insgesamt wird auch von den meisten im eher politisch linken Spektrum unserer Gesellschaft anerkannt, dass besonders in ländlichen Gebieten Schützenvereine wichtige Aufgaben in der Jugendarbeit und bei der sozialen Integration übernehmen – zumeist in ehrenamtlicher Arbeit. In Schützenvereinen werden durch engagierte Menschen älteren, in ihrer Mobilität oft eingeschränkten Menschen Teilhabe am sozialen Leben ermöglicht und gleichzeitig jungen Menschen Verantwortungsbewusstsein und sozialer Zusammenhalt vermittelt.

Bauchschmerzen bereiten manchen nur die in Reih‘ und Glied antretenden, marschierenden und paradierenden, das „Holzgewehr“ präsentierenden Schützen, was eben an Militärparaden erinnert. Barbara Stambolis meint in ihrem Buch „Schützenfeste in Westfalen“ von 2009: „… Gerade die militärischen Elemente, wie das Ausrichten in einer Reihe, das Präsentieren des Holzgewehrs, der militärische Gruß mit dem Anlegen der Hand an die Schläfe, das Marschieren im Gleichschritt, all diese früher so selbstverständlich und auch mit Stolz ausgeführten Bewegungen, die von jedem Mann während seines Militärdienstes eingeübt worden waren, werden Zuschauern und Akteuren heute gleichermaßen immer fremder. …

Das Befremden vieler Menschen angesichts militärischer Symbole und Verhaltensweisen führte auch im Schützenwesen dazu, dass der spielerische Charakter dieser Bestandteile der Feste seitdem verstärkt hervorgehoben wird: Die Gewehre (oder geschulterte Spazierstöcke) sind inzwischen mit Blumen geschmückt, die Kleidung der Schützen erinnert immer weniger an militärische Uniformen und das Marschieren wird von den jüngeren Vereinsmitgliedern – vor allem in scheinbar unbeobachteten Momenten – gerne persifliert. …“

http://www.haulingort.de/


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