Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9881 - letzte Aktualisierung: Sonntag 01.12.2019

Blinden-Schießsport

Dinge, die nicht zusammenzugehören scheinen


 Blindheit, Sehbehinderung und Schießsport - drei Dinge, die nicht zusammenzugehören scheinen. Wie gut das aber passt zeigt die Schützengesellschaft in Saulgrub. Hier können blinde und sehbehinderte Menschen mit Spezialgewehren den Schießsport ausüben.   
Saulgrub. Seit über zwei Jahrzehnten bietet die Schützengesellschaft Saulgrub das blindengerechte Schießen für Gäste des AURA-HOTEL in Saulgrub an. Am Anfang war da ein spezielles Gewehr, bis der Bayerische Blinden und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB) ein zweites Gewehr kaufte und der Schützengesellschaft übergab. Schützenmeister war damals schon Georg Kriner, der sich an die Anfänge gut erinnert und heute von der technischen Entwicklung begeistert berichtet.

Beim klassischen Schießen (oder auch Sportschießen) handelt es sich um einen Präzisionssport, bei dem es darauf ankommt, durch Körperbeherrschung und geistige Ruhe mittels eines Gewehrs die Mitte einer Schießscheibe zu treffen. Hierzu muss man unter Zuhilfenahme von Kimme und Korn die Mitte der Schießscheibe fixieren und im richtigen Moment den Abzug drücken. Die Schießscheibe ist in 10 Ringe unterteilt und wird deshalb auch Ringscheibe oder Spiegel genannt. Je näher man den Treffer in die Mitte der Scheibe platziert, desto höher die Trefferzahl von 1 bis maximal 10. 

Wenn das Sehvermögen zum Sportschießen mit dem Luftgewehr nicht mehr ausreicht, besteht die Möglichkeit, über das Gehör das Ziel treffsicher zu erreichen. Das Standardgewehr wird mit einer Zusatzeinrichtung, der sogenannten „Optronic“ ausgestattet, die von der Zielscheibe reflektierte Lichtwellen in akustische Frequenzen umwandelt. Über einen Kopfhörer, mit der „Optronic“ verbunden, wird dem Schützen der Zielton angegeben.

Die Betreuung sowie das Laden am Schießstand erfolgt aus Sicherheitsgründen durch ausgebildete Sportler der Schützengesellschaft Saulgrub. Am Gewehr fehlen Kimme und Korn. Dafür darf der Schütze das Gewehr auf einen Ständer aufsetzen, der verhindert lediglich ganz große Richtungswechsel. "Darf ich Sie anfassen?", fragt Katrin, die neben Sepp und Max ehrenamtlich für den Verein die blinden Gäste unterweist. Dann übernimmt sie kurz das Kommando und richtet den Schützen aus, bevor zum ersten Mal der Zeigefinger gekrümmt wird. "Schulter etwas zurück, die Hüfte nach rechts." Dann gibt es einen Probeschuss, um das Gewehr und die Software zu kalibrieren, auf den jeweiligen Schützen auszurichten.

Der Schütze muss sich dann auf drei Dinge gleichzeitig konzentrieren. Ruhe bewahren, den Ton und den Schuss. Der Ton ist entscheidend. Beim Zielen hört er sich an wie ein langsames Faxgerät-Signal. Mal dunkler, mal höher, ein nervöses, flattriges Auf und Ab. Der höchste Ton für den 10er-Bereich lässt sich sehr schwer einfangen. Im nächsten Moment ist er schon wieder weg. Obwohl sich der Schütze sicher ist, sich keinen Millimeter bewegt zu haben, sackt der Ton immer wieder ab. Der Atem wird immer flacher. Es dauert gefühlt sehr lange, bis sich der Schütze traut. Nur kurz huscht der 10er-Ton vorbei. Jetzt! Schuss! Treffer im Zehnerring. Ausatmen. Puh! Die Konzentration verpufft. Es folgt eine 8 – immerhin.

Der BBSB e.V. hat nun, gefördert durch die Aktion Mensch und mit tatkräftiger Unterstützung des selbst blinden Sportschützen Joachim Schirmer, eine neue Simulations-Schießeinrichtung mit zwei neuen Gewehren gekauft. 

„Das Sportschießen in Saulgrub ist nicht nur ein weiteres Freizeitangebot für unsere Gäste, es trainiert das Gehör, das Gleichgewicht, das Reaktionsvermögen und lenkt die Konzentration auf den passenden Ton“, so Kerstin Skudrin, Direktorin des AURA-HOTEL Saulgrub. 

Das AURA-HOTEL Saulgrub wird seit jeher von Gästen aus allen Teilen Deutschlands, der Schweiz und Österreichs besucht. Und dieser Personenkreis nahm die Information und das Erlebnis mit: Blinde Menschen können tatsächlich das Sportschießen mit dem Luftgewehr betreiben! Diese Feststellung verbreitete sich auf diese Weise weit über Bayern hinaus.

Am 3. November 2019 wird die Landesvorsitzende des Bayerischen Blinden und Sehbehinderten Bund e.V., Judith Faltl, die neue Schießeinrichtung feierlich an den Schützenmeister Georg Kriner übergeben. Als Rahmen zur Feierstunde, die ab 14 Uhr im AURA-HOTEL Saulgrub stattfindet, wird es einen Demoschießstand und für sehende und blinde Menschen gleichermaßen die Möglichkeit geben, das Schießen nach Gehör zu testen.  

www.bbsb.org



Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e.V. (BBSB)
Der BBSB e.V. ist die Selbsthilfeorganisation der mehr als 100.000 blinden und sehbehinderten Menschen in Bayern sowie der Personen, deren Erkrankung zu Blindheit oder Sehbehinderung führen kann. Er vertritt ihre Interessen gegenüber Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Ziel des BBSB e.V. ist, blinden und sehbehinderten Menschen ein selbstbestimmtes und möglichst selbständiges Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. In 10 Blickpunkt Auge-Beratungsstellen bietet der BBSB e.V. wohnortnahe Hilfen an – dazu gehören der ambulante Reha-Dienst mit Schulung in selbständiger Haushalts- und Lebensführung, sozialrechtliche Beratung, individueller Textservice, berufliche Rehabilitation, Austausch mit Gleichbetroffenen, Freizeit und Fortbildung.

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