Als digitale Zeitschrift anerkannt: Deutsche Bibliothek Berlin - Frankfurt - München - ISSN: 2190-9881 - letzte Aktualisierung: Dienstag 24.03.2020

Flug 4774 - Neujahr in der goldenen Stadt

Bitte anschnallen, wir befinden uns im Landeanflug nach Prag“ tönt die Stimme


und reißt mich aus meinen Gedanken. An den gestrigen Sylvesterabend dachte ich gerade, das grandiose Bild tausender bunter Feuerwerksraketen vor der nächtlichen Skyline Düsseldorf’s noch im Hinterkopf. 100 Millionen Euro 1) haben die Deutschen in diesem Jahr für Böller und Raketen ausgegeben, viel Geld für Menschen die ständig und intensiv darauf verweisen das sie zu wenig Geld haben - denke ich bevor wir zur Landung ansetzen.

Zur Mittagszeit des ersten Tages im Jahr 2008 sind wir im Zentrum der tschechischen Metropole die ich seit Mitte der 50er Jahre kenne. Viel hat sich gewandelt in den letzten Jahren und Jahrzehnten, ich erinnere mich an den 12stündigen Grenzaufenthalt im Zug, die Wachsoldaten schussbereit oben auf dem Wagondach, ohne Essen und Trinken, Fenster öffnen oder aussteigen verboten. Die Einreise war immer verbunden mit Angst vor Schikanen der bewaffneten Grenzsoldaten. Es war immer eine Fahrt ins Ungewisse, schon ein lautes Lachen oder der unpassende Zeitungsfetzen mit dem etwas eingepackt war konnten Ärger oder Haft bedeuten.

Prag 2008 ist anders. Was auf den ersten Blick angenehm auffällt ist das junge Bild der Bevölkerung, die niedrige Geburtenrate Deutschlands wird mir bewusst. Altersdurchschnitt der Prager Bevölkerung 36 2) Jahre, in Düsseldorf 42 Jahre. 3)
Wir haben bei uns weit weniger junge Menschen - aber dafür viele ohne Arbeit. Arbeitslose Jugendliche kennt man in Prag nicht
Na ja, in Deutschland soll ja jetzt laut Politik mit Kindergärten, Heranwachsenden und Jugendlichen so einiges passieren, fällt mir ein. Als ich Tage später dieses Thema recherchiere überkommt mich ein Gefühl der Beklemmung als ich erfahre dass die evangelische Kirche im Rheinland alle Kindergärten schließen will. Folge des umstrittenen Kibiz-Gesetzes aber auch durch zahllose Kirchenaustritte verursachte leere Kassen bei den Kirchen. Die Versorgungsquote der 5jährigen Kinder mit Kindergartenplätzen in Tschechien beträgt übrigens 99%. 4)

Prag sah auch mal anders aus entsinne ich mich. Farblos, verwahrlost war in den Zeiten des kommunistischen Regimes nicht viel vom Glanz der goldenen Stadt zu erahnen. Der Prager Frühling brachte mit aufkeimender Demokratie und Pressefreiheit erst Farbe in die Stadt und wenig später russische Panzer um die neu gewonnene Freiheit zu unterbinden. Ich selber erlebte im August 1968 wie sich Menschen ohne Waffen vor die Panzer stellten, mit Fäusten gegen die Stahlkolosse kämpften um die Freiheit zu verteidigen, erlebte wie Panzer in Flammen aufgingen und lief selber um mein Leben als mir russische Gewehrkugeln um den Kopf schwirrten.

„Was machen wir in Deutschland mit unserer Freiheit?“ so meine Überlegung beim Gang durch die durchweg sauberen Straßen Prags. So gut wie keine graphitti-verschmierten Wände, keine verschmierten oder bekritzelten Straßenbahnen auch nur höchst selten Hundekot auf den Gehwegen. Dafür sieht man regelmäßig Bürger die das Geschäft ihres Hundes sofort entsorgen. Bei uns in Düsseldorf zahlt man Hundesteuer und erhebt vielfach damit den Anspruch die Wege und Straßen als Hundetoilette zweckentfremden zu dürfen. In Prag ist das anders, die Menschen sehen die Stadt als die Ihre, die sie pflegen und schön behalten wollen

Wenn wir bei uns Freiheit als das Recht verstehen alles beschmieren zu dürfen, die Gehwege zu verschmutzen oder Flaschen und Fastfood Kartons in der Öffentlichkeit zu entsorgen… dann wissen wir den Wert der Freiheit wohl nicht mehr zu schätzen.

Während wir in Deutschland zunehmend darüber nachdenken und grämen was wir uns alles nicht mehr leisten können werden die Gesichter in der tschechischen Republik immer fröhlicher ob der noch jungen Freiheit und dem Gefühl gemeinsam etwas zu schaffen.
„Das WIR Gefühl das fehlt uns eigentlich!“ denke ich. Tarifstreik der Bahn, eigentlich doch unsere Bahn, unsere Steuergelder. Unberücksichtigt der Frage was ein Lokführer verdienen darf oder muss: Löhne müssen für ein Unternehmen finanzierbar sein! Jetzt folgen massiver Stellenabbau und Fahrpreiserhöhungen um die gestiegenen Kosten zu finanzieren. Oder es wird anderweitig gespart werden, an Service oder technischer Wartung zum Beispiel – schließlich muss das Unternehmen Bahn für die Börse interessant bleiben…

Parallelen fallen mir ein. Wir haben vergessen dass die Einführung der 35Stunden Woche in der BRD für die Unternehmen eine gewaltige Kostensteigerung war. Um diese höheren Kosten aufzufangen wurden Millionen von Menschen wegrationalisiert und durch Computer und Maschinen ersetzt. 1960 leistete jeder Erwerbstätige in Deutschland im Schnitt 2.163 Arbeitsstunden, 2006 waren es nur noch 1.437 Stunden 5) bei gleichzeitig höheren Lohnkosten für die Unternehmen! Diese Sorgen haben die Tschechen nicht, mit 1.906 Arbeitsstunden pro Beschäftigten und Jahr 6) sind sie europaweit an der Spitze, arbeiten vielfach auch Sonntags und setzen sich für ihr Unternehmen ein.
„Das war bei uns auch mal so..!“ sagt meine Frau als ich meine Gedanken ausspreche. Schon zu Zeiten Krupps der für die Mitarbeiter Wohnungen und Kindergärten baute, in den Zeiten des Wiederaufbaus und des Wirtschaftswunders galt der Grundsatz: „Wer ernten will muss erst mal säen“
In den Zeiten der kurzfristigen Gewinnmaximierung ist das leider vorbei. Die Konzerne fühlen sich der Börse verpflichtet. Und sich selber. Menschen werden rausgeschmissen während die Manager sich üppig selbst bedienen … Entscheidungen die wie das Wort sagt: scheiden! Die Gemüter nämlich und auch die Menschen in verschiedene Lager. Unlust und De-Motivation bei der Arbeit sind die Folgen.

„Es kann nun mal nicht jeder einen Traumjob haben“ wird mir bewusst als ich feststelle wie viele Menschen hier in Prag im Niedriglohnsektor arbeiten. Egal ob Kellner oder Kofferträger, alle sind freundlich. „Müsse er auch sein“ verrät mir Letzterer, er lebt hauptsächlich vom Trinkgeld.
In Deutschland? Millionen Menschen, seien es Friseurinnen, Floristen, Kindergärtner, Verkäuferinnen, Kellner und viele andere, arbeiten für einen Bruttolohn von rund 1.100,- bis 1.200.- €uro pro Monat, (netto rund 900,- €) Ihnen verbleiben nach Abzug von Miete und Heizung meist nur ca. 450,- €uro. Gleichzeitig wird der Hartz IV Regelsatz von 345,-€ ( plus Kosten für Miete und Heizung ) als Menschenunwürdig deklariert. Der Unterschied beim verfügbaren Einkommen beträgt rund 100,- € und beinhaltet die Entscheidung arbeiten oder nicht…

Wir vergessen (oder wissen nicht) das es im Deutschen Mittelstand teilweise beschämend aussieht. Wir brauchen keinen Mittelstand sagte die Politik und setzte auf multinationale Konzerne. Diese erleichtern die Staatskassen jährlich um Milliardenbeträge per Subventionen und haben ungeahnte Möglichkeiten um so wenig Steuern wie möglich zahlen zu müssen während der deutsche Mittelstand unter der Abgabenlast ächzt. Selbstständige Architekten, Ingeneure, Journalisten und Handwerker verzeichnen derzeit vielfach ein Bruttoeinkommen von durchschnittlich 1.500 €uro, 7) für eine 60 bis 80 Stunden / Woche.

Die Dämmerung bricht über die goldene Stadt hinein. Wir suchen ein Restaurant auf um uns zu stärken. Das reichliche Angebot ist für uns Bundesbürger preiswert und vielfältig. „Neujahr 1966 war ich auch in Prag“ fällt mir ein. Meine Großmutter die hier wohnte war damals stolz nach 3 Stunden Schlange stehen für viel Geld eine Gurke ergattert zu haben, eine unbeschreibliche Freude war das für sie…
Wir Deutschen haben uns in Wirtschaftswunderzeiten an Wohlstand gewöhnt. An gutes Essen, sind Weltmeister bei Urlaubsreisen, verzeichnen pro 100 Bundesbürger 120 Handyverträge und finden auch den Preis für Kaffee im Pappbecher mit 3,40 € (immerhin 7,80 DM) als normal und begehrenswert…… stöhnen aber wenn nach vielen Jahren die Milchprodukte teuerer werden und vergessen das wir die niedrigsten Lebensmittelpreise in fast ganz Europa haben…..

Warum so ein Artikel? Was hat das mit Brauchtum zu tun?
Nun eine ganze Menge denke ich. Es geht nicht um Zweckpessimismus, sondern darum wie es besser gehen könnte. Vieles fängt bekanntlich im Kopf jedes Einzelnen an. Unbestritten das es uns in Wirtschaftswunderzeiten besser ging. Wenn es immer so bliebe wäre das ein Wunder, Fakt: schlecht geht es uns wohl kaum!

Deutschland – Tschechien – keine Frage, ich lebe gerne hier in Deutschland. Bei kritischer Betrachtung sehe ich vorgenannte Mängel und finde die Ursache in einem Werteverlust und mangelndem Miteinander.
Wenn Herr Ackermann sich selber die Taschen füllt, zusätzlich tausende Menschen in die vom Steuerzahler bezahlte Arbeitslosigkeit schickt um seinen Gewinn zu steigern aber Heute – wenn den Banken selbst verschuldete Verluste drohen auf Hilfe von Staat und Steuerzahler pocht – ist das ein schönes Beispiel für die heutige Zeit.
Schon die kleinen Schützenkinder lernen bei uns geben und nehmen, zu teilen und soziales Denken – Herr Ackermann war offenbar noch nie Schützenkamerad….

Miteinander, soziale Ausgewogenheit, für einander… Denkweisen die in Zeiten des Shareholder Value verloren gehen, im Schützenwesen aber noch rege gelebt und praktiziert werden. Wir sollten uns dieses bewahren, ich behaupte sogar dass wir mit diesem Denken in Politik und Wirtschaft weiter wären in Deutschland.

Schützen – egal wie man es sieht, als soziales (be)schützen oder als sportlicher Gewehrschütze der ein scharfes Auge hat: vielleicht sollten wir Alle einmal mit scharfen Auge genauer hinsehen was hier passiert in diesem Land und dann darüber reden und handeln – um es zu schützen. Soziales Tun ist den Schützen auf die Fahne geschrieben, Jugendarbeit, Altenpflege und vieles mehr. Schützen handeln im Stillen, zu vielen Dingen schweigen wir. Genau das sollten wir nicht! 14.000 Schützen in Düsseldorf, Millionen bundesweit, wir sollten darüber reden was uns bewegt denn das Wort Heimat steht auch auf unserer Fahne!
Allerdings: WIR? Genau das fängt bei jedem Einzelnen an, egal ob Schütze oder nicht.

Rene Krombholz

Quellenhinweis:


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